Autor: Thomas Siebel

Für Hightech-Produkte ist Deutschland von Rohstoffimporten abhängig. China richtet seine Rohstoffpolitik nun neu aus. Für die deutsche Industrie bietet das sowohl Chancen als auch Risiken.

So erfolgreich die deutsche Industrie bei der Entwicklung von Hightech-Produkten auch ist – sie ist abhängig vom Import kritischer Rohstoffe. Ohne Kobalt, Nickel, Kupfer und Co lassen sich nach aktuellem Stand keine leistungsfähigen Windenergieanagen, Elektroautoantriebe oder Festkörperlaser bauen. Besonders drastisch ist die Abhängig bei den Seltenen Erden, nicht nur für die deutsche Industrie: 95 Prozent der Seltene Erde-Metalle, zu denen etwa Yttrium und Neodym gehören, werden in China gefördert. Die Monopolstellung der Volksrepublik ist dabei allerdings nicht naturgegeben. Vorkommen von Seltenen Erden finden sich vielerorts rund um den Globus. Vielmehr entspringt die Dominanz strategischer Weitsicht auf der einen und handfesten Umweltproblemen beim Abbau der Seltenen Erden auf der anderen Seite, wie Florian Neukirchen und Gunnar Ries in der Einführung zum Buch Die Welt der Rohstoffe beschreiben.

So hat die chinesische Führung in den 1990er-Jahren die Wichtigkeit der Seltene Erde-Elemente (SEE) für künftige Technologien erkannt, den Abbau im eigenen Land gefördert und die Welt mit günstigen SEE-Metallen versorgt. Minen wie die Mountain Pass in den USA konnten mit den fallenden Preisen nicht mithalten – unter anderem auch wegen hoher Umweltauflagen: Seltene Erde-Mineralien enthalten sehr häufig radioaktives Gestein, das aufwendig abgetrennt und entsorgt werden muss. China sorgte mit seiner lockeren Umweltgesetzgebung jedoch für einen profitablen Betrieb seiner SEE-Minen.

China konkurriert auch beim Rohstoffverbrauch

Doch nicht nur bei den Mineralien für Hightech-Produkte spielt China eine dominante Rolle. So sind etwa auch 46 Prozent des weltweit gehandelten Stahls chinesischen Ursprungs, wie Neukirchen und Ries im Kapitel Die Welt der Metalle schreiben. Dass das Reich der Mitte zugleich auch ein Drittel der Weltproduktion an Kupfer verbraucht, wirft ein Schlaglicht auf die Bedeutung des Lands in der globalen Rohstoffwirtschaft: China dominiert nicht nur zunehmend das Rohstoffangebot, sondern ist zugleich auch der weltgrößte Rohstoffkonsument – und steht damit in Konkurrenz zu Hightech-Unternehmen etwa in Europa oder den USA.

Zumindest für die Elektromobilität in Deutschland hält eine von der Landesagentur e-mobil BW in Auftrag gegebene Studie die Gefahr von Lieferengpässen bei kritischen Rohstoffen für gering. Die Autoren schränken jedoch ein, dass diese Aussage nur Zutrifft, sofern mit der zunehmenden Produktion batterieelektrischer Fahrzeuge auch mehr Lithium, Kobalt und Platin gefördert werden.

Deutschland ist auf den Krisenfall schlecht vorbereitet

Die Bundesregierung ist seit Jahren um eine sichere Rohstoffversorgung für die Industrie bemüht. Ob die gewählten Instrumente jedoch ausreichen, hält Yann Wernert jedoch zumindest für diskussionswürdig, wie er im Kapitel Deutschland: Flankierung mit Nachhaltigkeitsansprüchen im Buch Internationale Kooperation in der Rohstoffpolitik darlegt. Deutschland ist grundsätzlich auf Rohstoffimporte angewiesen: Hierzulande gibt es keine globalen Rohstoffunternehmen, und selbst die einst im heimischen Bergbau tätigen Unternehmen, die potenziell auch zu internationaler Größe hätten ausgebaut werden können, existieren nicht mehr. Die Bundesregierung versucht heute mittels dreier Dimensionen ihre Interessen in der globalen Rohstoffwirtschaft zu behaupten:

  • Die wirtschaftliche Dimension bildet laut Wernert den Mittelpunkt der deutschen Rohstoffpolitik. Rohstoffverarbeitende Unternehmen sollen sich verstärkt wieder dem Bergbau widmen, deutsche Investoren den Wiedereinstieg in den Bergbau wagen und Vertragswerke im Sinne des Freihandels sollen der deutschen Industrie einen ungehinderten Zugang zu Märkten in Drittländern garantieren. In keinem der drei Punkte kann Wernert jedoch Fortschritte innerhalb der letzten Jahre ausmachen.
  • Gemäß der Nachhaltigkeitsdimension sollen Abbauländer soziale und ökologische Standards bei der Rohstoffgewinnung für den deutschen Markt einhalten. Laut Wernert verfolgt die Bundesregierung diese Dimension trotz zuletzt einiger Fortschritte jedoch mit untergeordneter Priorität im Vergleich zur wirtschaftlichen Dimension.
  • Im Rahmen der strategischen Dimension soll durch eine Diversifizierung der Rohstoffimporte und dem Aufbau von eigenen Lagerstätten für bestimmte Rohstoffe die Abhängigkeit der deutschen Industrie von einzelnen Exportländern reduziert werden, um insbesondere Krisenfälle, Streiks im Bergbaubetrieben oder außenpolitische Streitigkeiten zu überstehen. Diese Dimension sieht Wernert vernachlässigt. Plötzliche Veränderungen im internationalen Rohstoffhandel dürften der deutschen Industrie entsprechend gefährlich werden.

Angesichts dieser Rolle Deutschlands im globalen Wettbewerb blicken Experten umso aufmerksamer auf die chinesische Rohstoffpolitik. Eine Studie der Deutschen Rohstoffagentur hat diese nun näher unter die Lupe genommen und deren Auswirkungen auf die deutsche Industrie untersucht. In der langfristigen Perspektive hat sich China bislang als relativ zuverlässiger Rohstofflieferant erwiesen, so die Autoren. Dennoch berge die hohe Lieferabhängigkeit bei Rohstoffen wie SEE-Metallen, Wolfram oder Magnesium die Gefahr von Lieferengpässen.

Umweltfreundliche nationale Champions in China

Aktuell unterzieht China seine (in dieser Studie betrachtete) Nichteisen-Metallindustrie einem tiefgehenden Wandel. Die chinesische Industrie soll Überkapazitäten abbauen und sich modernisieren, China investiert mehr in Forschung und Entwicklung und die Sozial- und Umweltstandards bei der Rohstoffgewinnung sollen angehoben werden. Mit den Maßnahmen zur Reinhaltung von Luft, Boden und Wasser dürften Produktionen zeitweise ausgesetzt oder Betriebe geschlossen werden, wodurch Preise kurzfristig schwanken könnten. Mittel- und langfristig will China mit umweltschonenden Anlagen hochwertige Metalle für strategisch aufstrebende Industrien produzieren. Weiterhin will die Volksrepublik durch Fusionen und Übernahmen „nationale Champions“ schaffen, die nicht nur den chinesischen Markt dominieren, sondern auch bei Investitionen in ausländische Bergbauprojekte eine Schlüsselrolle spielen.

Mit seiner Rohstoffpolitik verfolgt China zwei Ziele: Durch die ausgeweitete und effizientere Gewinnung von Rohstoffe in China soll die Versorgung der heimischen Fertigungsindustrien sichergestellt werden. Weiterhin will die Volksrepublik Erze und Metalle importieren und sich an Bergbauprojekten im Ausland beteiligen, um die eigene Importabhängigkeit zu reduzieren.

Die Autoren sehen im Wandel der chinesischen Rohstoffpolitik sowohl Chancen als auch Risiken für die deutsche Industrie. So öffne die Modernisierung der chinesischen Industrie neue Absatzmöglichkeiten für deutsche Maschinenbauunternehmen. Zudem erkenne China die Bedeutung nachhaltig gewonnener Rohstoffe als Voraussetzung für Geschäftsbeziehungen mit europäischen und deutschen Unternehmen an. Für die deutsche Industrie kann sich der neue Ansatz in der chinesischen Rohstoffpolitik jedoch auch zum Nachteil auswirken; nämlich dann, wenn China zuvorderst seine eigene Industrie mit strategisch wichtigen und knappen Rohstoffen versorgt – und sich die Industrien anderer Länder hintenanstellen müssen.

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